12. Oktober 2009
Friedliche Revolution vor 20 Jahren
In diesen Wochen wird auf vielerlei Weise erinnert an die friedliche Revolution, mit der die Bürger der DDR vor zwanzig Jahren mit der DDR Schluss machten. Das war ein einzigartiges Ereignis in der deutschen Geschichte. Zum bisher ersten Mal stürzten die Bürger ohne jede Gewalt eine Diktatur, die sie schlichtweg nicht mehr ertragen mochten. "Wir sind das Volk" war die Parole damals im Herbst 1989, erst später wurde daraus "Wir sind ein Volk" und der Beitritt zur Bundesrepublik ein Jahr später.
Auf Einladung der Stadt Leipzig war ich in der vergangenen Woche am 9. Oktober dort bei den Feierlichkeiten und mich haben in der letzten Zeit wenige Erlebnisse so bewegt, wie dieser Besuch. Am 9. Oktober 1989 fand die wohl entscheidende Montagsdemonstration in Leipzig statt. Mehr als 70. 000 Menschen (!) hatten sich nach dem wöchentlichen Friedensgebet in der Nikolaikirche versammelt, um für eine demokratische Veränderung der DDR und Reisefreiheit einzutreten. Ihnen standen ca. 8.000 Bewaffnete aus Stasi, Volkspolizei und Betriebskampfgruppen gegenüber. Es war bekannt, dass vorsorglich Blutplasma und Leichensäcke bevorratet worden waren. Obendrein wusste niemand, ob die russischen Panzer in den Kasernen bleiben würden. Man kann sich ausmalen, mit welchen Gefühlen die Leipziger zu der Demonstration gegangen sind. An diesem Abend hing der friedliche Verlauf der Proteste und wohl die ganze weitere politische Entwicklung in Europa an einem seidenen Faden.
Bekanntlich ist am Ende alles gut ausgegangen. Durch ihre schiere Menge und ihre Disziplin ("Keine Gewalt" war einer der Hauptsprechchöre an diesem Abend) haben die Leipziger eine am Ende völlig verunsicherte Staatsmacht überwunden. Im Nachhinein war der 9. November 1989 in Leipzig der Durchbruch für die friedliche Revolution in der DDR. Die Bilder von damals wieder zu sehen und die Berichte der Beteiligten zu hören, war für mich mehr als beeindruckend. Auf ihren Beitrag für die Demokratie können die Leipziger stolz sein.
Hannover und Leipzig verbindet seit 1987 eine Städtepartnerschaft. In den Wende-Tagen haben viele Hannoveraner auf ganz unterschiedliche Weise geholfen, z. B. auch dabei, eine rechtsstaatliche Kommunalverwaltung zu etablieren. Unser wichtigster "Export" war wohl Hinrich Lehmann-Grube, der sich als Oberstadtdirektor von Hannover 1990 entschied, nach Leipzig zu wechseln und dort Oberbürgermeister wurde. Seine Frau, Ursula Lehmann-Grube, hat vor kurzem ihr Tagebuch aus dieser Übergangszeit unter dem Titel "Als ich von Deutschland nach Deutschland kam" veröffentlicht, eine wirklich empfehlenswerte Lektüre. Am Dienstag, dem 20. Oktober, wird Ursula Lehmann-Grube um 20 Uhr im Hodlersaal des Rathauses aus ihrem Tagebuch vorlesen. Es wird mit Sicherheit ein interessanter Abend, zu dem Sie herzlich eingeladen sind.
