28. Juni 2010
Wie weiter nach dem Ausbruch von Antisemitismus?
Manchmal gibt es Rückschläge, die einen völlig unvorbereitet treffen. Ein solches Beispiel hat mich in der ganzen letzten Woche beschäftigt, nachdem ein fröhliches internationales Fest im Sahlkamp am vergangenen Sonntag mit einem Desaster endete. Ich bin selbst schon auf diesem Fest gewesen, dass zum fünften Mal statt fand und in diesem Stadtteil die vielen dort versammelten Nationalitäten und Kulturen zusammen führen will.
Auch in diesem Jahr war wieder alles friedlich und fröhlich bis zum vorletzten Programmpunkt, bei dem eine Gruppe von Jugendlichen aus der liberalen jüdischen Gemeinde Tänze aus Israel zeigen wollten. Daran wurden sie zunächst durch antisemitische Parolen gehindert, danach sogar durch Steine, so dass ein Auftritt nicht möglich war. Die Störungen gingen von Kinder und Jugendlichen aus, die ganz überwiegend aus arabischen Familien stammen. So weit, so schlimm. Schlimm für die Mitglieder der Tanzgruppe, die sicher geschockt sind von diesen Anfeindungen und Angriffen. Schlimm für den Stadtteil, in dem sich viele bemühen, für ein gutes Miteinander nach innen und auch für ein besseres Image nach außen zu sorgen. Und nicht zuletzt auch schlimm für die ganze Stadt, denn unsere Bemühungen um Integration haben durch diesen Vorfall ganz sicher einen Rückschlag erlitten.
Kein Wunder, dass die Symbolik dieses Zwischenfalls (Steine auf Juden hatten wir in Deutschland schon einmal) ein großes Medieninteresse und viele Reaktionen ausgelöst hat. Imponiert hat mir vor allem die Reaktion der Hauptbetroffenen, die liberalen jüdischen Gemeinde, die bei aller Bestürzung betont hat, auch künftig die Öffentlichkeit zu suchen und sich nicht abschrecken lassen zu wollen. Das ist eine völlig richtige Schlussfolgerung und die Stadt wird die Gemeinde bei diesem Vorhaben unterstützen.
Aber auch die Besserwisser haben sich geäußert, allen voran in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung. Zuerst wird dort - ohne jeden Anhaltspunkt ! - über einen Konflikt zwischen Türken und Juden spekuliert; zum Glück hat die türkische Gemeinde darauf sehr besonnen reagiert. Und dann identifiziert der Lokalchef der Zeitung in einem Kommentar auch noch den wahren Schuldigen: Es handelt sich um den Leiter des (städtischen) Stadtteil-Treffs, der das Fest organisiert hat. Der habe die Realität ausgeblendet und die Augen verschlossen, er hätte doch das Problem kommen sehen müssen. Eine ziemliche Anmaßung, wie ich finde, aus der klimatisierten Redaktionsstube heraus hinterher jemanden zu belehren, der seit Jahren und jeden Tag auf den Straßen in diesem Stadtteil unterwegs ist und sich für das Zusammenleben von sehr unterschiedlichen Gruppen engagiert.
Wie gehts weiter? Es ist klar, dass die Stadt und der Stadtteil nach einem solchen Vorfall nicht einfach zur Tagesordnung übergehen können. Im Stadtteil werden sich die unterschiedlichen Akteure mit städtischer Unterstützung überlegen, wie dieser Ausbruch von Antisemitismus aufgearbeitet werden kann, vor allem auch in der Jugendarbeit und den Schulen im Stadtteil. Und ganz konkret wird dies auch mit denjenigen Kindern und Jugendlichen geschehen müssen, von denen die Störungen ausgingen und die identifiziert sind. Wichtig erscheint es mir auch, dabei die Familien ein zu beziehen, in denen die ganz jungen Täter leben und geprägt werden. Das wird nicht einfach sein, denn wir haben es wohl vorwiegend mit einer Form von Antisemitismus zu tun, der sich nicht unerheblich unterscheidet von dem Rassenwahn alter und junger Nazis. Die aggressive Ablehnung von Juden durch junge Araber hängt nicht zuletzt auch zusammen mit den ungelösten Problemen des Nahen Ostens. In Deutschland lebende Juden sind aber keineswegs die Repräsentanten der israelischen Politik, wie die Vorsitzende der liberalen jüdischen Gemeinde völlig zu Recht hervor gehoben hat, sondern ein wichtiger und geschätzter Teil unserer Gesellschaft.
Das überall deutlich zu machen und Gemeinsamkeiten zu suchen, ist ein hartes Stück Arbeit. Aber es kann gelingen, wie gerade auch ein Beispiel aus Hannover zeigt. Als am 1. Mai 2009 ein Aufmarsch von Rechtsradikalen drohte, haben die beiden jüdischen Gemeinden und die palästinensische Gemeinde zusammen gegen Ausländerfeindlichkeit demonstriert, ein wohl bundesweit einmaliger Vorgang. An diese eindrucksvollen Bilder erinnere ich mich gerne und sie machen Mut für die Lösung der jetzt anstehenden Probleme.
