Start1. November 2010

1. November 2010

Um integrative Schulformen führt kein Weg herum

In Niedersachsen steht eine Schulreform an. Mal wieder, werden viele denken, denn noch beinahe jede Landesregierung hat gemeint, eine neue Schulform erfinden zu sollen. So ist es diesmal auch, aber nicht ganz. Jahrzehntelang tobte die Auseinandersetzung darüber, ob neben der traditionellen Dreigliedrigkeit (Hauptschule, Realschule, Gymnasium) auch integrative Schulformen eine Chance haben sollen. Vor allem die Gesamtschule ist Konservativen immer ein Dorn im Auge gewesen und wird bis heute diskriminiert. So gibt es auf dem Lande z. B. Gymnasien mit nur zwei Zügen, aber für Gesamtschulen wird eine Fünf-Zügigkeit verlangt. Deswegen können in Hannover viele Eltern ihre Kinder nicht auf den Schulen anmelden, die sie für richtig halten.

In der Grundsatzfrage der Dreigliedrigkeit scheint die Landesregierung jetzt zu kapitulieren. Nicht etwa aus Einsicht, sondern aufgrund der erbarmungslosen Demografie. In vielen Teilen Niedersachsens gehen die Schülerzahlen dramatisch zurück und vor allem die Hauptschulen finden schlichtweg keine Schüler mehr. Und wenn Eltern eine Möglichkeit haben, suchen sie für ihre Kinder eine Schulform, die auch eine Aufstiegschance bietet. In Hannover gehen gerade noch sechs Prozent der Schüler auf die Hauptschule, aber über 40 Prozent der Eltern wollen ihre Kinder auf eine IGS schicken. Um integrative Schulformen führt also schlichtweg kein Weg mehr herum, dieser Einsicht hat sich auch die Landesregierung nicht mehr länger entziehen können.

Also alles in Ordnung? Leider nein, denn damit sind bei der neuen Schulform angelangt, die erfunden worden ist. Oberschule soll sie heißen (das waren früher einmal die Gymnasien) und sie ist irgend etwas zwischen kombinierter Haupt- und Realschule (HRS) und kooperativer Gesamtschule (KGS). Ich bin kein Schulexperte und es fällt mir schwer, die Unterschiede im Detail nach zu vollziehen. Jedenfalls soll diese neue Oberschule künftig neben den Gymnasien gewissermassen die zweite Säule der Schulen in Niedersachsen werden. Und genau an der Stelle sind wir bei einem Grundsatzproblem. Wenn die Oberschule eine weitere Möglichkeit für die Schulträger - also die Städte und Landkreise in Niedersachsen - ist, für die jeweilige Situation das richtige Schulangebot zu machen, ist dagegen nichts ein zu wenden. Wenn sie dagegen die anderen Schulformen unmöglich machen soll, wird es keinen Konsens geben. Konkret: Die Landesregierung hält an der Diskriminierung von Gesamtschulen fest und verlangt auch künftig eine Fünf-Zügigkeit. Wenn die Landesregierung einen Konsens will, wird sie allen Schulformen gleiche Bedingungen einräumen müssen.

Schulpolitik könnte so einfach sein: Entscheidend ist der Elternwille und den kennen die Schulträger vor Ort am besten. Mal schauen, ob die Landespolitik so viel Einsicht entwickelt.


 

 
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